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Die Bibel entdecken

Die Bibel handelt von Lebens-, Glaubens- und Menschheitsthemen – das macht sie über Jahrtausende hinweg so aktuell. Diese Meinung teilt auch Uta Zwingenberger. Sie ist Diözesanbeauftrage für Biblische Bildung im Bistum Osnabrück. Im Interview erklärt sie, was sie an der Bibel so fasziniert, wie ihr die neue Einheitsübersetzung gefällt und wie man die Bibel für sich (immer wieder neu) entdecken kann.

Frau Zwingenberger, was genau machen Sie als Diözesanbeauftrage für biblische Bildung?
Ich mache durch das Bibelforum mit Sitz im Haus Ohrbeck 100 Prozent Bibel und das im Interesse von drei verschiedenen Auftraggebern: Dem Haus Ohrbeck, dem Bistum Osnabrück und dem Katholischen Bibelwerk.

Was bietet das Bibelforum Ehren- und Hauptamtlichen?
Für Ehrenamtliche aus den Pfarrgemeinden, die beispielsweise in der Liturgie aktiv sind, bieten wir Wortgottesdienstleiterkurse an, aber auch Kurse, in denen die Teilnehmenden Methoden lernen, wie sie in Gruppen biblische Texte erschließen können. Hauptamtlichen Kollegen wie Pastoralreferenten und Pfarrern bieten wir Fortbildungen zu verschiedenen Methoden wie zum Bibliolog, zu biblischen Erzählfiguren oder jetzt ganz neu im Frühjahr 2018 eine Fortbildung zum Bibelerzähler. Es gibt Kurse über grundlegende theologische Fragen wie "Bibel und Gewalt". 2018 bis 2020 bieten wir erstmals eine deutschlandweite berufsbegleitende Weiterbildung für Mitarbeiter aller pastoralen Gruppen an: die "Bibelpastorale Qualifizierung". Ich versorge die Kollegen teilweise aber auch einfach mit Material für eigene Veranstaltungen. Ich habe nicht den Anspruch, dass die ganze Bibelarbeit des Bistums über meinen Schreibtisch geht. Ich freue mich auch über Projekte, die ich nicht zu unterstützen brauche.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Bibel zu entdecken. Welche sind das?
Das Wichtigste ist, mit der Bibel vertraut zu werden, sich auszukennen. Das meine ich nicht im Sinne von Wissen, sondern als Gewissheit, dass ich die Bibel aufschlage und etwas finden werde, was ich suche – oder was ich gar nicht suche. Ich glaube, das fehlt vielen Ehren- wie Hauptamtlichen, weil es das Gerücht gibt, die Bibel sei schwer verständlich. Auch Hauptamtliche haben oft nicht im Studium gelernt, mit der Bibel zu leben.

Was ist Ihr Tipp?
Ganz pauschal: lesen, langsam lesen! Wir sind es gewohnt, in kurzen Strecken zu lesen, aber die Texte sollten im Gesamtzusammenhang gelesen werden. Wenn ich beispielsweise das Markusevangelium ganz von Anfang an lese, bekomme ich die Idee, dass es gar nicht darum geht, was Jesus und seine Jünger getan haben, sondern wer dieser Jesus eigentlich ist – für die Menschen damals und heute. Ich schlage vor, mit zwei Fragen an einen Text zu gehen. Erstens: Was steht wirklich in dem Text drin? Häufig sind es feste Bilder, die wir im Kopf haben. Was wird nicht erzählt? Was für Vorstellungswelten eröffnet ein Text? Zweitens: Was spricht der Text in meinem Leben an? Das ist das, was das Katholische Bibelwerk mit dem "Levctio-Divina-Projekt" oder "Bibellesen mit Herz und Verstand" meint. Das Bibelwerk gibt zu den jeweiligen Texten noch speziellere Fragen heraus – je nachdem, wie intensiv man sich beschäftigen möchte.

Uta Zwingenberger
Uta Zwingenberger
(Bild: Oliver Pracht.)
Im Dezember 2016 ist die neue Einheitsübersetzung erschienen. Wie ist ihr persönlicher Eindruck davon?
Ich bin sehr zufrieden damit uns sehe insgesamt eine große Verbesserung. Jede Übersetzung ist immer ein Kompromiss aus Ausgangs- und Zielsprache. Diese Übersetzung ist ein bisschen wörtlicher geworden. Ich erlebe sie dadurch auch als gehaltvoller.

Was heißt das?
Die Vorgängerversion aus den 80er-Jahren wollte gute deutsche Sprache sein, so dass man überflüssige Füllwörter und Wiederholungen vermieden hat. Das Hebräische und Griechische leben aber von diesen Hinweisworten. In der neuen Übersetzung wurden auch sachliche Fehler korrigiert.

Welche zum Beispiel?
In der Geschichte von Maria und Marta hieß es bisher, dass die zuhörende Maria den "besseren Teil" erwählt hat. Das haben viele aktive Frauen als Abwertung gehört. Nun heißt es dem Original entsprechend "Maria hat den guten Teil gewählt" (Lk 10,42). Allerdings möchte ich auch darauf hinweisen, dass sich in der neuen Übersetzung ein Fehler eingeschlichen hat: Im Gleichnis von zwei ungleichen Söhnen (Mt 21,31). Dort geht es um einen Mann, der seinen beiden Söhnen sagt, sie sollen im Weinberg arbeiten. Der erste antwortet: "Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus." Der zweite antwortet ihm: "Ja, Herr – und ging nicht hin. Wer von den beiden hat den Willen des Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite." Es muss natürlich "der erste" heißen. Der Fehler ist entstanden, da man in der neuen Übersetzung die beiden Söhne vertauscht hat. Das Katholische Bibelwerk weist in seiner Arbeitshilfe "Die neue Einheitsübersetzung entdecken" auf diesen Fehler hin, und natürlich wird er in der nächsten Auflage behoben.

Die neue Einheitsübersetzung hat sich dem modernen Sprachgebrauch angepasst – wie äußert sich das?
In den 80er-Jahren hat man klassischer gesprochen. Maria hat "empfangen". Nun wird Maria schwanger. Früher waren die Jünger "betroffen" über Jesu Rede. Jetzt "staunen" sie. Oft ist dieser Sprachgebrauch leichter zu hören, allerdings gerät man auch ins Stocken, weil manche Stellen sperriger werden. Ich sehe das als Chance, weil man an diesen Stellen anfängt zu denken.


Die neue Einheitsübersetzung
(Bild: Bistum Osnabrück)
Ein Beispiel?
Das Wort "Wunder" kommt nun im Neuen Testament nicht mehr vor. Es stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt "Dynamik", also Kraft oder Macht zur Veränderung beispielsweise von Menschen. Es wird nun mit dem Begriff "Machttaten" übersetzt. Da wird man drüber stolpern. Es eröffnet gleichzeitig eine neue Wundertheologie: Gott setzt keine Naturgesetze außer Kraft, sondern es geht darum, etwas in Bewegung zu versetzen.

Sind im Bistum Aktionen zur neuen Einheitsübersetzung geplant?
Am 1. Juni 2018 gibt es einen großen Studientag mit dem Bischof in Haus Ohrbeck. Das wird eine zentrale Veranstaltung zur neuen Einheitsübersetzung sein. Momentan ist die neue Einheitsübersetzung noch gar nicht in den Gemeinden angekommen, wir befinden uns noch in einer Übergangsphase. Es gibt beispielsweise keine digitale Version. Die erscheint aber noch in diesem Jahr. Zum Advent 2018 werden auch die ersten liturgischen Bücher mit der neuen Übersetzung erscheinen.

Weitere Infos zum Thema Bibel gibt es direkt bei Uta Zwingenberger,
erreichbar per E-Mail bzw. telefonisch: 05401/336-39

Do, 31. August 2017

Themen: Bibel

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